Aus gg. Anlass im Fokus: Eurozentrizität und Postkolonialismus

“Weltweit sind ‘Nationalstaaten’, insbesondere die ehemaligen Kolonien in der Dritten Welt, nach eurozentrischem Vorbild organisiert. Diese Dominanz gründet in der jahrhundertelangen kolonialen Ausbeutung und der Unterwerfung nichtwestlicher Kulturen durch eurozentrische rassische Strukturen und Ideologien, die ebendiese Ideologie als Merkmal für Kultur postulieren. Durch die Praktiken der Kreditvergabe von IWF und Weltbank wird diese Dominanz weiter aufrecht erhalten, genauso wie durch die ungerechten Handelsbedingungen der WTO, weltweite Einflussnahme durch Konzerne, unterbewertete Währungen sowie Wirtschaftssanktionen, wie die gegen den Irak, wodurch dieser drastisch geschwächt wurde, und aktuell gegen den Iran, angeblich um dessen Atomprogramm zu stoppen, tatsächlich aber um die Wirtschaft des Landes zu lähmen, und genozidale Kriege, wie jüngst in Libyen und Afghanistan, aktuell in Syrien, die dem Westen direkten Zugang zur Formulierung der Wirtschaftspolitik und zu politischer Kontrolle in diesen Ländern geben. Die letzten 500 Jahre der Weltgeschichte sind eine Geschichte von Ausbeutung, Plünderungen und Massakern an nicht-westlichen Kulturen und deren Unterwerfung unter die Herrschaft der Weissen, wodurch das soziokulturelle und ökonomische Gefüge dieser Kulturen zerstört und sie dazu gezwungen wurden, sich westliche Entwicklungsparadigmen anzueignen. Zugenommen haben dabei lediglich Umweltzerstörung, Verschuldung, Armut und wachsende Abhängigkeit von westlichen Technologien. Vor diesem Hintergrund ist wesentlich wichtiger, was das Kino im unabhängigen Indien dazu beigetagen hat, das Universum der westlichen Vorstellungskraft zu dekonstruieren und unsere Diversität – Menschen, Land und Lebensgrundlage, Sprache, Kultur und Ethnizität – wiederzubeleben, anstatt ein Datzum zu bestimmen, um die nationalen Errungenschaften im Bereich Kino aufzuwerten.”

Auszug aus einem Editorial von Georgekutty A L in Deep Focus Cinema, Volume I, Issue IV, 2013

Das Editorial, aus dem dieser Auszug stammt, steht unter der Überschrift “One hundred years of Indian Cinema and the construct of nation and history”. Georgekutty A L stört sich also in dem Text vor allem daran, dass mit 1913/2013 aus einer Reihe von möglichen ein einziges, willkürlich gewähltes historisches Datum als die Initialzündung des indischen Kinos gefeiert wird – und nicht all das, was in der gesamten Kino-Geschichte seit Ende des 19. Jahrhunderts auf dem indischen Subkontinent vor und (insbesondere) nach der Unabhängigkeit und Teilung tatsächlich passiert ist und erreicht wurde.

Weiter vorne im Text stellt er fest: “So konstruiert eben eine ‘Nation’ [Anm.: Indien: vor 100 Jahren eine Kolonie Großbritanniens, heute zumindest 3 eigenständige Staaten] ihre Geschichte im Rückblick auf selektive Weise, wobei im Prozess der Selektion andere Teile der Geschichte, Kulturen und Erinnerungen marginalisiert und ausgelöscht werden.”

Der Text hat mich deshalb sehr berührt, weil er vor dem Hintergrund des konkreten Themas darstellt, wie sich die Altlast Kolonialismus immer noch auf die Betroffenen – seien es ‘Nationen’ oder Individuen – auswirkt. Heute war es mir ein Bedürfnis, aus vielerlei gegebenen Anlässen, zB. dem hier, ihn mit euch zu teilen.

Die Ausgabe von Deep Focus Cinema habe ich im Januar in Bangalore bekommen. Dort habe ich Georgekutty A L – Geschäftsführer der Bangalore Film Society und Direktor des Filmfestivals Voices from the Waters – auch kurz kennen gelernt, allerdings bevor ich den Text gelesen hatte. Anfang Februar habe ich beim Verlag angefragt, ob ich Auszüge übersetzen und veröffentlichen darf, finde aber erst jetzt die geeignete Gelegenheit, ihn hier zu posten.

 

Übersetzung: moi, Auszeichnungen innerhalb der Zitate im Original.
Veröffentlichung der Auszüge auf diesem Blog mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

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